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11.7.2020 20:49 +0200

Kalender, Venus -und Marstafeln, Almanach der Mondgöttin und Zahlensystem der Maya-Völker

Der Codex Dresdensis

Die Dresdener Handschrift ist 3,56 m lang und besteht aus Ficusbastpapier. Die 39 Blätter des Faltbuches sind mit kohlesaurem Kalk als weißer Grundierung beschichtet. Der Codex wurde 1739 bei einer Kaufreise des Bibliothekars Christian Götze in Wien für die Königliche Bibliothek in Dresden erworben. Zunächst für ein „Mexicanisches Buch“ gehalten, erkannte 1853 der französische Historiker und Archäologe Charles E. Brasseur de Bourbourg den Dresdener und den Pariser Codex als Maya-Handschrift. Wenig später entdeckte er auch den Codex Madrid. Der Dresdener Codex ist wahrscheinlich von Hernando Cortes an den spanischen Hof gesandt worden. Cortes landete 1519 auf der Insel Cozumel, die der Halbinsel Yukatan in Mexiko vorgelagert ist. Es ist das große Verdienst des Dresdener Bibliothekars Oskar Ernst W. Förstemann und des Gerichtsassessors Paul Schellhas, das Zahlensystem der Kalender und ein Teil der Schriftzeichen und Abbildungen entschlüsselt zu haben. Von der Wissenschaft wurden die Ergebnisse allerdings erst mit großer zeitlicher Verspätung anerkannt. Das Alter der Dresdener Handschrift wird auf 700-800 Jahre geschätzt. Die Inhalte, von verschiedenen Schreibern erstellt, sind teilweise Abschriften älterer Vorlagen.

Der Codex enthält folgende Kapitel (Nicolai Grube, S. 62):

  • Opfer und die Einkleidung der Götter
  • Die Präsentation der Götter und ihrer Opfergaben
  • Die Mondgöttin und ihre Zuständigkeit für Krankheiten und Geburten
  • Venustafel
  • Tafel zur Vorhersage von Finsternissen
  • Vielfache von 78
  • Der K’atun 11 Ajaw
  • Regenzeiten, Fluten und die Periode von 1820 Tagen
  • Neujahrszeremonien
  • Bauernkalender
  • Marstafel
  • Die "Brenner-Periode"
  • Vielfache von 364

Zahlensystem der Maya

Mit nur drei Zeichen, einem Punkt für die Eins, einem Strich für die Fünf und einer offenen Muschel für die Null, konnten die Maya alle Zahlen darstellen. Wie alle anderen Völker Mesoamerikas verwendeten auch die Maya ein 20er-System, abgeleitet von den Händen und Füßen.

Kalendersysteme

Die Maya verwendeten mehrere parallele Kalendersysteme, so den 365tägigen „Haab“-Kalender und den 260tägigen „tsolk’in“-Ritual-Kalender, kombiniert in der sogenannten Kalenderrunde, und die „lange Zählung“ mit 360 Tagen. Der Ritualkalender ist 1000 Jahre älter als der „Haab“ und stammt von den Olmeken ab.

Statt Punkten und Strichen verwendeten die Maya häufig gezeichnete Götterköpfe für die Zahlen von 1-19. Die ersten 13 Götter trugen Namen wie Mondgöttin, Maisgott, Jaguargott oder Wasserlilienmonster.

Almanach der Mondgöttin

Die acht Seiten des Dresdner Kodex, die sich mit der Mondgöttin befassen, sind als Almanach aufgebaut. Hierunter versteht man Jahrbücher, die wie ein Gartenkalender zu bestimmten Themen für jeden Tag gute oder schlechte Vorhersagen machen konnten. Im Falle der Mondgöttin waren das Krankheit, Geburt und Partnerschaft. Ausgangspunkt war stets der 260-tägige Ritualkalender. So wurden jedem Tag dieses Kalenders bestimmte Götter zugeordnet. Erkrankte ein Mensch, konnte bestimmt werden, welche Gottheit die Krankheit verursacht hatte. Die Priester fanden im Kalender den richtigen Zeitpunkt für die Anrufung der Götter und die Darbringung der Opferspeisen.

Die Mondgöttin und Krankheit

Bild 16: Die Lasten der Mondgöttin

Durch die Mondgöttin wird in der Maya-Mythologie Krankheit, Partnerschaft und Geburt repräsentiert. Der Almanach beschreibt verschiedene Zustände. So trägt die Mondgöttin auf Seite 16 der Handschrift als Symbole für Krankheiten verschiedene Vögel: Die Eule, den Quetzalvogel und einen Papagei. Auf Seite 17 werden die Vögel Yaxum, ein Halsbandgeier und der wilde Truthahn als Lasten der Mondgöttin genannt. Die Darstellung von Feuer steht für die Hauptkrankheiten. In einem Teil der Darstellungen, die zugehörigen Hieroglyphen konnten noch nicht alle entziffert werden, trägt die Mondgöttin als Last den Maisgott, den Todesgott und den Opfergott. Neben diesen ist sie auch die Partnerin/Ehefrau des Herrn der Unterwelt, des Gürteltieres und des Hirsches.

Mondgöttin und Geburt

Bild 20 (nicht abgebildet, s.a.: www.slub-dresden.de). Im oberen Drittel der Darstellung sitzt die Mondgöttin mit schwarzen Haaren und drei verschiedenen Begleitern, der rechte ist der Todesgott. Im Mittelteil sitzt neben der Mondgöttin, die den Schöpfergott Itzamnaaj in den Händen hält, ein Gott auf der Matte. Nach Nicolai Grube handelt es sich dabei um einen starken königlichen Jüngling. Die Hieroglyphen ohne Abbildung auf der rechten Seite lassen sich übersetzen mit:“ Das Kind kommt herab“. Die Götter steigen aus dem Himmel herab und werden als Kinder geboren. Im unteren Teil sitzt die Mondgöttin mit einem Kopfputz, der ihre Haare verdeckt, und einer Unglückshieroglyphe, in der Mitte trägt sie den Maisgott und rechts einen noch nicht identifizierten Mann.

Regentabellen

Seite 70: Die Regentabelle als „göttliche Basis“ für die Regengöttin Chak Chel

Wie bei anderen Völkern in Gebieten mit unregelmäßigem Klima spielten Vorhersagen über das Wetter auch in Mesoamerika eine große Rolle. Anhand von Regentabellen und jahreszeitlichen Zusammenhängen konnten die Priester Vorhersagen treffen.

Zeiträume vor der Erschaffung der Welt wurden mit roten Ringzahlen dargestellt. Für die Berechnung der Kalenderdaten enthält der Dresdener Codex sogar eigene Rechentafeln.

Astronomischer Kalender

Um astronomische Zahlen darstellen zu können, wurden Vielfache von 20 in einem Stellensystem verwendet, das von oben nach unten gelesen wird. 

Zahlensystem
GlypheAnzahl Tage
9144000Bak'tun1296000
147200K’tun100800
0360Tun0
1020Winal200
61K’in6

 

Die Reihenfolge der Zahlen wird von links nach rechts geschrieben. 9.14.0.10.6 entspricht 1397006 Maya-Tagen. Mit einem Computerprogramm von Krygier und Rohark läßt sich daraus schnell das gregorianische Datum errechnen: 28. Juni 712.

Regionen des Regengottes

Seite 68: Die Regionen des Regengottes (nach N. Grube)

Die Regenzeiten und die Opfer für Chaak, den Regengott, sind auf den Seiten 61-74 des Codex aufgeführt. Dabei spielt immer wieder ein Zeitraum von 1820 Tagen eine große Rolle. Die Maya rechneten alle fünf Jahre mit einer großen Regenperiode.

Auf der oberen Hälfte der Seite regnet es stark aus einem Himmelsband, nur der linke Gott Chaak sitzt im trockenen Teil des Himmels. In der Mitte neben ihm sitzt der Maisgott mit der Hieroglyphe Nahrung in der Hand. Über ihm kommt ein Tier aus dem Himmel, dessen Bedeutung unklar ist. Der rechte Gott sitzt im Dauerregen unter den Hieroglyphen für Sonnen- und Mondfinsternis mit einer Hieroglyphe für Maisbrot. Unten sitzt der Regengott Chaak auf einer Trommel, in der Mitte wohnt er der Mondgöttin bei und rechts sitzt er auf zwei Zeichen, die der Himmelsschicht ähneln.

Es ist nicht auszuschließen, dass diese heftigen Regenfälle die weiter unten dargestellte Flut ausgelöst haben.

Die große Flut(katastrophe)

Seite 74: Die große Flut

Die ganzseitige Abbildung beginnt oben mit dem Himmelskrokodil, dass große Mengen Wasser ausspeit und aus dem Körper anliegenden Hieroglyphen absondert. Die Wassergöttin Chak Chel mit einem Schlangenkopfputz gießt Wasser aus einem Krug. Unter ihr steht der schwarze Gott, der Gott der Unterwelt mit Speer und Schleuder. Auch wenn nicht auszuschließen ist, dass gewaltige Wassermassen vom Himmel stürzen, für die Darstellung des Weltunterganges spricht die geordnete Abbildung nicht. Das heutige Klima in Yukatan ist durch große Klimaschwankungen gekennzeichnet. Lange Trockenzeiten, Regenperioden und Hurrikane wechseln sich ab. Die Seite scheint den Abschluß für die vorhergehenden Regentabellen zu bilden. Die große Flut wird durch die Medien in unseren Tagen mit dem Untergang der Welt in Verbindung gebracht.

Berechnung des Weltunterganges

Um ein Datum in den Julianischen Kalender oder den heute gültigen Gregorianischen Kalender umrechnen zu können, bedarf es eines Stichtages. Die Maya haben von ihren Vorläufern, den Olmeken, als Datum für die Erschaffung der Welt, den 13. August 3114 v. Chr., übernommen. Die Wiederholung des Schöpfungstages findet an einem runden Datum der langen Zählung statt, nach 13 Bak’tun-Perioden (13.0.0.0.0), das entspricht 13x144000 Tagen.

Errechnet man hieraus das Gregorianische Datum nach einer Formel, die Linda Schele, eine bedeutende Alt-Amerikanistin aus den USA, für ihre Studenten geschaffen hat, ergibt sich der 23. Dezember 2012. Wohlgemerkt, die Hoffnung der Astrologen basiert darauf, dass der Mayakalender am 23. Dezember 2012 nach Erreichen des 13 Bak’tun endet. Tatsächlich aber endet nur ein Zyklus des Kalenders. Die 2012 in der Ruinenstadt Xultun in Guatemala entdeckten Mayakalender aus dem 9. Jahrhundert rechnen bis 17 Bak’tun. Auch im Dresdener Codex werden Berechnungen durchgeführt, die mindestens 20 Bak’tun erfordern. Damit verschiebt sich das Weltuntergangsszenario um mindestens 1600 Jahre. Geht man von 20 Bak’tuns aus, sind es sogar 2800 Jahre.

In der Mythologie der Maya existiert die Vorstellung des Weltunterganges nicht. Alle Vorgänge, die die Zeitrechnung betreffen, wiederholen sich, sie sind ewig.